Ich stelle immer wieder fest, bei Kunden wie im Familien- und Freundeskreis, daß einer großen Mehrheit von uns nicht klar ist, wie es kommt daß wir manches eben doch wissen können und nicht alles "relativ" ist - auch wenn sich die Grenzen des menschlichen Wissens immer mal wieder verschieben können und - vor allem in der Physik meist sehr nachhaltig - verschieben.

Ich halte diese Unsicherheit für ein großes Problem - so gibt es in USA Menschen die daran glauben daß die Erde nur 6000 Jahre alt ist, weil es aus einem Buch steht, das vor über zweitausend Jahren geschrieben wurde und das wird mancherorts sogar öffentlich als "gleichwertig" bezeichnet gegenüber wissenschaftlicher Erkenntnis. China kämpft dagegen geradezu gegen religiöse Überzeugungen - mit autoritären Mitten ist das aber möglicherweise auch nicht die beste Politik, da Unterdrückung zu Radikalisierung beitragen kann, es erzeugt "Märtyrer" - manchmal im wörtlichen Sinne.

Doch auch in unserem "aufgeklärten" Zeitalter gibt es viele Stellen an dem Mutmaßungen, Meinungen, Gefühle und Intuition als "zumindest gleichwertig" angesehen wird im Vergleich zu dem was wir "wissenschaftliche Erkenntnis" nennen.

Und daß es Intuition gibt steht außer Frage - wieviel sie nützt und wem in welchen Umständen wäre eine andere Frage.

Was ist nun Erkenntnis?

Woher wissen wir das, was wir wissen oder was wir zu wissen glauben? Wer ist dieses "wir"?

Die Antwort darauf ist nicht so schwierig und es bedarf dazu weder Philosophen noch diplomierte Wissenschaftler:

Am Anfang einer Erkenntnis muß eine Frage stehen, denn wer keine Fragen hat kann keine Antwort finden und ohne Antwort gibt es keine Erkenntnis. Natürlich gibt es neben einer Erkenntnis auch Erfahrungen, die zunächst subjektiv sind in dem Sinne daß es das gute Recht von uns allen ist, zu fühlen daß - um ein einfaches Beispiel zu nehmen - wir unter einer blauen Zimmerdecke besser einschlafen. Das kann durchaus sein!

Wie wird aber aus dieser "These" möglicherweise eine Erkenntnis?

"Wir" müssen die These überprüfen.

Damit wir nicht im Trüben fischen sollten wir die Frage zuerst etwas erweitern: Was verstehen wir unter "gutem Einschlafen": Ist ein schnelles Einschlafen gemeint oder ein besonders tiefer Schlaf oder vielleicht eine lange oder kurze REM-Phase oder viele oder wenige davon? Daß ein solches Phänomen wie das Einschlafen sich unter Umständen einer "harten wissenschaftlichen" Messung zu entziehen scheint soll uns aber nicht aufhalten: Wir können die Person selbst bitten, eine Skala bereit zu halten mit der sie die Qualität ihres - wie auch immer benannten Schlafphänomens - in einer Skala von 0 und 10 zu bewerten versucht.

Unter diesen Umständen ist es klar, daß eine oder wenige "Messungen" nicht ausreichen werden um eine Aussage zu treffen denn wir wissen ja daß der Schlaf an verschiedenen Tagen sehr unterschiedlich sein kann. Also sind wir darauf angewiesen 10 oder besser 100 "Messungen" zu machen. Und da wir ja die blaue Zimmerdecke als Ursache unseres Wohlbefindens überführen wollen müssten es sagen wir 100 Nächte unter blauer und 100 Tage unter nicht blauer Zimmerdecke sein um vergleichen zu können.

Dabei sollten wir versuchen alle anderen Effekte auszuschließen: Es sollte also immer dasselbe Zimmer sein, nur die Dekenfarbe sollte wechseln. Der "Proband" sollte zudem keinen Einblick haben, wie er oder sie in der Vergangenheit "abgestimmt hat" - denn wenn jemand schon zu Beginn die Überzeugung hat der eine Ausgang des Versuches sei besser als der andere wird er - bewußt oder unbewußt - das Ergebnis verfälschen. Das ist schon nicht einfach bei diesem Experiment.

Die Frage ist auch, ob der Proband meint, diese "Theorie" daß man unter einer "blauen Zimmerdecke besser schlafe" sei auf alle oder viele Menschen übertragbar: Dann nämlich hätten wir eine bessere Möglichkeit die These zu überprüfen indem wir die Messung bei vielen Menschen wiederholen - idealerweise so daß diese Menschen während des Experiments nicht wissen daß in Wirklichkeit die "Farbsensitivität" abgefragt wird. Man könnte den Probanden sagen sie würden ein Medikament testen, gibt aber allen nur ein Placebo und färbt stattdessen die Zimmerdecke an verschiedenen Tagen verschieden. Zugegeben, kein einfaches Experiment da sich die Probanden dann wundern werden, warum hat mein Zimmer immer eine andere Deckenfarbe wo ich doch ein Medikemant testen soll? Vielleicht fällt aber guten Wissenschaftlern auch ein guter Vorwand ein der das Wechseln der Farbe unverdächtig erscheinen läßt.

Es muß also möglichst unvoreingenommen getestet werden, sonst ist die Erkenntnis wertlos.

Da es sogar sein kann daß im Testverfahren unzulässige Annahmen ("Vorurteile") stecken ist es unerläßlich daß andere Forscher dazu herangezogen werden, die Ergebnisse und die Methoden der ersten Forschergruppe abzuklopfen und gegebenenfalls zu kritisieren.

Idealerweise sollte sogar eine oder zwei andere Forscher dasselbe Experiment an einem anderen Ort wiederholen um zu sehen ob es übertragbar ist. Erst wann all das erfolgreich abgeschlossen ist und die Messungen deuten wenigstns statistisch in dieselbe Richtung, erst dann beginnt der Bereich der Wissenschaft und damit der Erkenntnis.

... (wird fortgesetzt)


Angelegt von: Andreas Delleske (ande) 07.08.2018 10:13, zuletzt geändert von: Andreas Delleske (ande) 07.08.2018 11:13, 160 Seitenabrufe