Unblutige Geiselnahme geht zu Ende

Wie aus gewöhnlich gut informierten Kreisen verlautete, ging in diesen Tagen eine weltweite Geiselnahme – nach Zahlung verschiedener Lösegelder in vielen Ländern in Höhe von über einer Billion Euro – vorläufig unblutig zu Ende.

Einer noch unbekannten und kaum flüchtigen Täterschar gelang es, sich weltweit in Börsen und Banken zu verteilen. Sie landeten den Coup gemeinsam, aber scheinbar unkoordiniert. Über hektische Börsenspekulation – auch Profitmaximierung und Liberalisierung genannt – verstand es die Gruppe glänzend, Risiken hochzutreiben um schließlich die ganze Weltwirtschaft als Geisel zu nehmen, nachdem sie Boni und Prämien für besonders dreistes Auftreten längst eingesackt hatten.

Sie machten sich den allgemeinen Respekt vor Nadelstreifenanzügen und universalem Opportunismus zunutze.

Für eine kurze Zeit waren Millionen von Kleinanlegern und Sparern, kleine und mittlere Unternehmen in Geiselhaft, ohne es zu merken.

Die Geiselnehmer haben sich inzwischen wieder zurückgezogen, aber wenn der Zins sie wieder hungrig macht kommen die Anarchisten in Nadelstreifen wieder aus ihren 500 Quadratmeter- Villen und werden das Spiel wiederholen.

Was einmal klappt, klappt auch zweimal.

Auf Nachfrage erläuterte die Polizei, Nachforschungen werden keine angestellt, die Gesetzlage sei unklar. Da aber nun der Staat durch die Lösegeldzahlungen seine Schulden deutlich erhöht hatte. müssen insbesondere alle Arbeitnehmer schneller und effizienter arbeiten. Insbesondere werde daran gedacht, die Sozialleistungen zu kürzen, Arbeitszeit zu verlängern, das Rentenalter zu erhöhen, der Krankenkassenbeitrag steigt auf fast 16%. Damit dieser Plan umgesetzt werden kann, ist natürlich eine lückenlose Kontrolle, vor allem des Internets, nötig. So wurde bereits vorausschauend die Vorratsdatenspeicherung eingeführt.

Es werden weitere terroristische Akte geplant, um die Bevölkerung weiterhin davon zu überzeugen, daß die größte Gefahr für die Menschheit nicht von Tausenden empathieunfähigen auf Angriff trainierten Schlipsträgern, sondern vor ein paar bärtigen Fanatikern ausgehe.

Insbesondere Ausgaben für Bildung, Ausbildung und Belange der Aufklärung wurden weiter reduziert. An ihre Stelle treten religiöse Schulen aller Couleur, denn die beste Unterdrückung und damit den besten Schutz der herrschenden Schlipsträger außer regelloser Geldwirtschaft bieten gegeneinander kämpfende Religionsgemeinschaften. Hier konnten Erfahrungen aus Mittelalter, vorrömischer Zeit und Erkenntnisse von Scientology und des “Intelligent Design” verwendet werden.

Guten Abend, und – gute Nacht.


Andreas Delleske am 18. Oktober 2008, 00:21

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