Machen Umlaute in Domains und Mailadresse Sinn?

Mich erreichte eine Frage:

> Stimmt es, dass Mailadressen keine Umlaute vertragen?

Meine Antwort:

Ja und nein.

Das heißt, daß es seit kurzem Umlaut-DOMAINS gibt, also z.b. kleehäuser.de und nicht mehr nur kleehaeuser.de

Hinter den Kulissen des Umlautsystems werden die Namen umgesetzt in eine andere Notation; kleehäuser.de heißt dann xn—z2a-kleehuser.de oder so.

Das heißt erst mal, daß man ab jetzt Postrückläufe von völlig unverständlichen Domainnamen bekommt, wenn man Post an eine solche Domain schickt, obwohl das eigentlich gehen sollte. Jemand schreibt also an nichtexistent at kleehäuser z.B. und bekommt eine Rückmeldung von MAILER-DAEMON at xn—x2a-kleehuser.de – und wird die Rückmeldung nicht verstehen.

Das größere Problem ist, damit Umlaute VOR dem Domainnamen klappen, müssen pro Mail genau zwei Server mit Umlauten im Namen umgehen können: Der sendende und der empfangende. Und damit alle Mailserver der Welt. Vor allem dank Windows und weil sich vor allem Microsoft nicht an Standards hält, kodiert aber sogar jede Windows-Version Umlaute ein bißchen anders. Man bräuchte also eine gewaltige Umsetzungslogik, die man sich bisher erspart hat. Unter anderem deswegen, WEIL man das System schlank gehalten hat, funktionert es halbwegs. Und damit Umlaute weltweit funktionieren, müßte man nicht nur Umlaute, sondern auch kyrillische Buchstaben und chinesische Schriftzeichen usw. usw. richtig kodieren. Eine große neue Fehlerquelle (heißt es nun Barriêre oder Barriére oder Barrière? Was wenn man sich vertippt?)

So hat man auch darauf verzichtet, Groß- und Kleinschreibung in Email-Namen gelten zu lassen, obwohl es eigentlich funktionieren müßte. Schon in der Schweiz gibt es kein “ß”... muß da umgesetzt werden? Wann? Heißt es dann auch Waßer?

Eigentlich sollte man auch HTML beim Versenden von Mails verbieten (es sei denn, zwei Leute einigen sich explizit darauf), weil HTML eine Menge schädlichen Schwachsinn ermöglicht, unter anderem die web-bugs (bitte ggfs. googeln)

Ich persönlich habe aus den genannten Gründen eigentlich keine Lust, einen Umlaut- Email-Namen in meinem Mailserver einzuführen und halte auch die Umlaut-Domains in dieser Form für Schwachsinn, obwohl ich für einen Kunden schon eine eingerichtet habe. Ich hätte dann den Support am Hals. Die jetzigen Umlautdomains sind nur eine Verbeugung vor den Domains verkaufenden Riesen-Webhostern, damit sie noch mehr Kohle scheffeln können: Sie bringen nur 32 diakritische Zeichen zusätzlich mit, also nix kyrillisch und so, das System wird eine Insel bleiben. Wer in Hongkong weiß schon, wie man die Umlaute kodieren muß? Wer weiß, welche Mailprogramme das unterstützen? Welche Browser? Welche Dateisysteme?

Es gäbe eine Lösung: Die Kodierung heißt UTF (Unicode). Aber noch nicht mal alle Rechner weltweit können UTF für Dateinamen! Die würde man mit dem neuen System diskriminieren. Und bis sich hinter den Kulissen UTF durchgesetzt hat, wird es noch zehn Jahre dauern, denn dazu müssen letztendlich all diese Zeichen überall (!) angezeigt werden können.

Deshalb:

- Ja, das Email-System ist veraltet. Es hat auch noch viele andere Schwachstellen.

- Aber: Wenn etwas funktioniert, ist es immer veraltet. Und so werden wir noch lange, vielleicht unendlich lange auf ein neues Mailsystem warten müssen. Vielleicht ist das alte, einfache Mailsystem einfach das beste, WEIL solche Kapriolen nicht funktionieren. KISS = Keep It Simple, Stupid! Die Administration eines Mailservers im “alten” System ist schon im Normalbetrieb sehr aufwendig (und sei es, daß man bei den Kunden immer “Nachhilfe” leisten muß).

- Und: Leider gibt es noch nicht einmal eine richtige Diskussion um ein neues, universales Mailsystem, auch wenn auch nur die administrative Last durch SPAM wahrhaft erdrückend ist. Selbst die sehr gute Computerzeitschrift c’t (und Schwestern) fängt gerade erst an. Man hätte auch längst eine gute Verschlüsselung (PGP) einführen müssen, und das scheitert an Microsoft und der Komplexität schon in der Theorie, die das Thema nun mal unvermeidlich mitbringt. (Dan bräuchte es z.B. kein HBCI, kein T-Online-Banking, kein Btx, keine Behördenpost, weinger Behördengänge… wahrscheinlich auch viel weniger SPAM) Vielmehr werden auch bei der Spamabwehr Standards diskutiert, und dann versucht Microsoft wieder einen ganz anderen Standard, und dann lizenzpflichtig, durchzudrücken. Gerade im Moment. Man wird erst Microsoft und alle anderen proprietären Monopole zerschlagen müssen, bevor sich die Internetgemeinde wieder gut selbst organisiert wie in der Zeit vor Microsoft. Die haben das Internet nämlich nicht erfunden. Ohne Microschrott hätten wir vielleicht heute schon ein neues System zu Ende diskutiert, aber auch viel weniger Nutzer. Manchmal denke ich, es wäre ein Segen.


Andreas Delleske am 25. Januar 2007, 20:58

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